Diese Legende findet sich zuerst im 6.–8. Jahrhundert in byzantinischen Quellen:
Diese Erzählung spiegelt den Ruf des Nikolaus als Gerechter und Fürsprecher der Unterdrückten wider – sie erzählt nicht, was er tat, sondern wer er war. Diese Geschichte ist keine Chronik sondern eine theologische Erzählung. (Wie das Schenken von drei Goldklumpen an eine arme Familie, das Kornwunder, das Eintreten für unterdrückte Menschen ....)

Der "richtige" Nikolaus ?
Rote Mütze, weißer Rauschebart, rutscht durch den Schornstein und bringt am besten einen Lastwagen voller Geschenke, incl. dreier Äpfel! Auch wenn dieser Nikolaus/Weihnachtsmann - mit Zipfelmütze und von Coca Cola gestylt - inzwischen auch hierzulande sehr beliebt ist und als Figur an zahlreichen Balkonen „hochklettert“, hat er wenig mit dem Brauchtum um den Heiligen Nikolaus gemein, der in Deutschland um den 6. Dezember die Kinder besucht. Der heutige, kommerzialisierte „Nikolaus“ – ein freundlicher Schenker an brave (!) Kinder – verdeckt oft die radikale Botschaft seines Vorbilds.
Statten wir diesen Nikolaus also zunächst mit Mitra und Bischofsstab aus und beginnen wir, ihn zu entkolonialisieren und von überholten religiösen Deutungen zu befreien. Wir vergessen nämlich, dass dieser Nikolaus als heilig gilt, weil er die Idee, dass der christliche Glaube in die Welt wirkt, indem er Strukturen von Ungleichheit und Unterdrückung herausfordert und zur Parteinahme mit den Armen aufruft, persönlich verkörpert und gelebt hat.
Nikolaus von Myra lebte im 4. Jahrhundert in einer Zeit tiefgreifender sozialer Umbrüche. Das Römische Reich war geprägt von Klassenunterschieden, wirtschaftlicher Ausbeutung und religiöser Unsicherheit. Nikolaus begegnete dieser Realität nicht mit Rückzug oder Frömmigkeit, die das Leid der Armen und die Willkür der Mächtigen übersah, sondern mit einem gelebten Glauben, der konkret Partei ergreift.
Für Leonhardo Boff ist die „Option für die Armen“ zentral: Gott ist nicht neutral gegenüber den Verhältnissen der Unterdrückung, sondern auf der Seite der Opfer. Nikolaus steht genau für diese Option. In vielen Erzählungen tritt er als Kritiker der Macht auf – sei es gegenüber korrupten Richtern, ungerechten Herrschern oder Kaufleuten, die das Volk ausbeuten. In der befreiungstheologischen Lesart ist dies keine moralische Nebensache, sondern prophetische Praxis. Er verkörpert den Widerstand gegen Strukturen der Sünde, gegen Systeme, die das Leben zerstören. So kann der Nikolaus als „Prophet der Umkehr“ (Gustavo Gutiérrez † 22. Oktober 2024) verstanden werden, der erinnert, dass der wahre Reichtum im Teilen und in der Gerechtigkeit besteht.